Vor vielen, vielen Jahren lebte ein alter, gütiger König mit seinen Töchtern in einem fernen Zauberland. Da nun die Zeit immer näher kam, dass er seine Krone weitergeben wollte, wurde er immer trauriger. An seinen sieben Töchtern, die allesamt schön und klug waren, hatte er eitel Wohlgefallen; aber doch war in ihm eine große Sorge. Denn da er keinen Sohn hatte, musste er die Krone an die älteste Tochter reichen. Diese aber hatte ein hartes und kaltes Herz. Während ihre Schwestern fröhlich lachten, mit den Tieren spielten und an die Armen Speisen verteilten, spottete sie der Taten ihrer Schwestern, trat mit den Füßen nach den Tieren und schlug die Mägde. Ihm grauste davor die Geschicke der Menschen und des ganzen Landes in ihre kaltherzige Hand zu legen. Wieder und wieder versuchte er ihr die Freuden und edlen Seiten des Lebens zu zeigen. Sie aber lachte nur höhnisch, wusste sie doch, dass die Krone die ihre sein würde. Wenn die Liebe nur in ihr Herz käme, so dachte der König, dann könnte alles gut werden. So kamen Königssöhne, Prinzen und Edelmänner aus fernen Ländern um die Königstochter zu freien. Aber ein Jeder bemerkte, dass sie zwar liebreizend und klug, aber vor allem auch hartherzig und kalt war. Bald schon reisten sie ab, verspottet und verlacht von der schönen Königstochter Kruttinna.
Selbst wenn im Frühling die Schausteller in die Stadt und auf das Schloss kamen, war keine Freude in ihr. Die Tänzerinnen und Sänger, die Zauberkünstler und Harlekine, die Dompteure und Akrobaten, die Musik, die Kostüme und Farben drangen nicht in ihr Herz. Aber dann war da doch einer unter ihnen, der ihren Blick gefangen nahm; und der König meinte ein leises Lächeln in ihrem Gesicht zu sehen. So ging er heimlich zu ihm und bestellte ihn für den nächsten Tag alleine ins Schloss. Ein Jüngling von stolzer Gestalt, mit dunklen Augen und sanftem Blick, der nichts anderes tat als die Lippen benetzen, sie ein wenig schürzte – und zu pfeifen begann. Aber wie er es tat, war von besonderer Art. Die Melodie war so zart. Und jeder, der sie vernahm, wurde still und warm. Und dann kamen durch Türen und Fenster Hunderte von Vögeln herbei. Sie flatterten durch den großen Königssaal, setzten sich um ihn und auf ihn, sangen, pfiffen, tirilierten; ein jedes in seiner Art und doch alle in Harmonie mit seiner Melodie. Eifersucht und Neid wuchsen in Kruttinna´s Herz. Hart packte sie eines der Vöglein, das sofort verstummte. „Sing´ weiter, du Kreatur, sing auch zu mir, sing!“ befahl sie laut und rau. Als das Vöglein aber stumm blieb, warf sie es mit höhnischem Gelächter an die Wand.Entsetzen und Stille waren im Saal – der kleine Vogel war tot. Ganz ruhig und mit festem Schritt ging der Jüngling, hob den kleinen Vogel auf und berührte ihn mit seinen Lippen. Im gleichen Moment hielt er einen goldenen Fisch in seinen Händen. Und als er sich zu Kruttinna umdrehte, erschrak sie; denn es war kein Jüngling, der ihr gegenüber stand, sondern ein alter Mann, der nun mit dunklen Augen und düsterem Blick zu ihr sprach: „7x7 Jahre sollst du die Liebe suchen – und nicht finden. 70x70 Jahre sollst du mit den Vögeln leben - und singen lernen. 700x700Jahre sollst du die Fische speisen. Und erst wenn du den goldenen Fisch siehst – wirst du die Liebe erkennen, und dein Herz wird erlöst sein.“ Und fort waren die Vögel, und auch der alte Zauberer. Die Zeit verging und längst hatte sie die Krone. Unbarmherzig, hart und kalt regierte sie im Land. Sie führte viele Kriege, brachte Not und Leid über die Menschen, und diese fürchteten sie sehr. Die Schwestern hatten in andere Königreiche geheiratet und lebten dort glücklich. Der alte König starb vor Gram. Als ein Vogel auf seinem Grab sang, kam wie Nebel eine Erinnerung zu Kruttinna, und sie wurde traurig. Vielleicht auch weil sie so sehr einsam war. Sie sehnte sich nach einem Menschen an ihrer Seite, oder vielleicht nach etwas anderem, nach etwas, was sie nicht kannte. Es war wohl die Sehnsucht nach Liebe.
Aber keiner der Prinzen oder Edelleute wollte sich mit dieser kaltherzigen Frau vermählen. Kein Knecht, keine Magd schenkten ihr ein Lächeln. Kein Hund wollte zu ihren Füßen liegen, keine Katze ließ sich von ihr streicheln. Wenn sie in die Gärten kam, verstummten die Vögel. Und als sie nach 7x7 Jahren in den Spiegel schaute – war sie eine alte Frau. Sie erschrak über das hässliche Gesicht, in dem Habsucht, Neid und Grausamkeit zu sehen waren. Ein leises Knacken war in ihrem Herzen zu hören. Da gab sie ihre Krone zu treuen Händen der jüngsten und edelsten Schwester und ging alleine in die tiefen Wälder des Landes. Zu Beginn ihres Weges kam sie manchmal noch durch einige Orte, über Wiesen und Felder. Die Katzen duckten sich tief ins Gras, die Hunde verbellten sie, die Kinder liefen nach Hause, die Frauen schlugen die Haustüren zu, und die Männer auf den Feldern drohten ihr manchmal sogar mit der Heugabel, wenn sie zu nahe kam. So mied sie die Ortschaften und ging immer tiefer in die einsamen Wälder. Manchmal, wenn sie von ferne einen Vogel singen hörte, wurde ihr schwer ums Herz – doch sie wusste nicht warum. Die Jahreszeiten kamen und gingen. So manches mal litt sie Hunger und fror.
Nach vielen Jahren sah sie auf einer Waldlichtung einen alten Mann. Er saß auf einem Baumstumpf vor seiner kleinen Hütte und schnitzte eine Flöte aus Weidenholz. Auf seinem ausgefransten, breitkrempigen Hut saß ein kleiner Vogel und trällerte sein Lied. Der alte Mann pfiff fröhlich mit. Sie blieb steh´n, ging keinen Schritt. In der Hütte auf dem Tisch, lag ein Fisch. Und wie das Eis im Frühling knirscht und kracht, so war es in ihrem Herzen zu hören – und ihr wurde warm. Sie blieb bei dem alten Mann, der sie freundlich einlud, bestellte ihm den Haushalt, versorgte die Ziegen und half beim Käsebereiten. So schwer die Arbeit auch sein mochte, so wurde sie ihr jedes Mal leichter, wenn sie das Pfeifen des Mannes und den Gesang der Vögel hörte, die immer in seiner Nähe waren. Jedes Jahr, wenn der Alte in die Dörfer ging um seinen Käse zu verkaufen, wenn sie also ganz alleine war, versuchte auch sie zu pfeifen wie die Vögel. Aber keiner antwortete ihr, so sehr sie es sich auch wünschte. Tieftraurig ließ Kruttinna sich auf den weichen Waldboden nieder, sang die schönsten Melodien, und heiße Tränen rannen über ihr Gesicht. Da kam, leise zwitschernd, ein kleines Vöglein, setzte sich auf ihren Fuß, und sie sangen gemeinsam. Das laute Knacken in Ihrem Herzen hallte weit in den Wald hinein. Der alte Mann saß vor der Hütte und lächelte.
70x70 Jahre waren vergangen. Sie saß auf dem moosigen Waldboden, und sang und weinte. Und je mehr Vögel dazu kamen und mit ihr sangen, desto mehr Tränen flossen. Bald waren ihre Kleider durchnässt und aus der kleinen Pfütze zu ihren Füßen wurde ein Rinnsaal. Sie weinte und weinte, und es wurde ihr immer leichter ums Herz. Sie erkannte die Melodien und spürte die Lebensfreude der Tiere. Nach einiger Zeit war aus dem Rinnsaal ein Bächlein geworden, das zuerst nur ihre Füße umspielte und dann sogar bis zum Bauch reichte. Kruttinna ergab sich der Flut ihrer Tränen und floss in dem Bach davon. Wo sie gesessen hatte, blieb ein kleiner See zurück. Mit ihren Liedern begleiteten die Vögel sie bis zum Waldrand, wo sie müde und erschöpft einschlief. Als sie erwachte, war aus dem Bach ein kleiner Fluss geworden, der sich zwischen Wiesen und Feldern gemütlich daher schlängelte. Sie räkelte sich, blinzelte in die Sonne und hörte die Lerche, die so hoch am Himmel stand, dass man sie nicht sehen konnte. Die Lerche sang ihr Lied nur Gott zum Lob und Preis – und Kruttinna verstand. Sie staunte, als sie sich umsah: das Korn stand reif und schwer, golden in der Sonne und wiegte sich leicht im sanften Wind. Korn- und Mohnblumen machten blaue und rote Felder. Die Wiesen waren saftig grün. Tausende von Insekten surrten, schwirrten und brummten um die wilden Blumen.
Manchmal sah sie die Ohrenspitzen der Hasen oder ein weißes Schwänzchen der Rehkitze und hoch oben Habicht, Bussard oder Falke kreisen. An ihren Ufern im hohen Schilf waren Enten und Schwäne mit ihrer Brut. Der Einklang der Natur, diese Harmonie und diese Farben drangen tief in ihr Herz. Sie konnte nicht genug davon bekommen und schlängelte sich wie eine Schlange im Bogen; und noch einmal und noch einmal einen Bogen. So viel Freude war in ihr, das sie auf einmal zu plätschern begann. Sie spielte mit den Steinen in ihrem Bett. Da war natürlich viel Sand unter ihr, aber auch Kiesel- und Blutsteine, die nur rot leuchteten, wenn sie im Wasser der Kruttinna waren. Sobald Menschen diese Blutsteine heraus nahmen, wurden sie unansehnlich grau; eben wie ganz normale Steine. Dann gluckste Kruttinna vor Schabernack und Freude. Sie hüpfte und sprang über die dicken Steine der Endmoränen, polierte und scheuerte sie rund, und ehe sie sich versah, wurde es dunkel, und sie war im nächsten Wald. Welch ein Tirilieren der Vögel zur Begrüßung. Wie angenehm kühl es war. Nur mit Mühe brach sich das Sonnenlicht Bahnen zwischen den dichten Bäumen Die hohen Kiefern, Erlen, Eichen, Birken und Buchen gaben wunderbaren Schatten. Es schien, als wollten die Baumwurzeln mit den Algen an Kruttinna´s Füßen spielen.
Ja, zwischen Wald und Fluss war eine tiefe Liebe. Wenn ein Baum sterben musste, sei es weil er zu alt war, oder weil der Sturm ihn brach, dann knickte er nicht, wenn er die Wahl hatte, nicht in den Wald, sondern zur Kruttinna hin. Lange Zeit verbrachte sie mit jedem einzelnen, umarmte ihn, umspielte ihn, flüsterte ihm liebe Worte zu, gab ihm ihre Algen und Wassermoose als Geschenk und ernannte ihn zum Palast für ihr Tiere. Denn schon längst hatte es sie immer wieder ganz fürchterlich am Bauch gekitzelt. Und so war sie froh, wenn von der Vielzahl ihrer Fische jedes Mal ein paar in einem „Baumpalast“ blieben. Auch das Gekicher der Muscheln ging ihr manchmal auf die Nerven. Die waren so kindisch und albern, verulkten die Krebse, prusteten und kicherten unentwegt. Wenn sich aber das Wasser über den Steinen brach und zwischen einem Baumpalast rauschte, dann wurden sie still und suchten die seichten Stellen. Das Knacken und Krachen in Kruttinna´s Herz wurde vom Plätschern übertönt. Vor Freude schillerte sie ganz grün. So rannen ihre Jahre, Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte.
Manchmal, wenn sie einschlief, alles um sich herum vergaß, dann vergaß sie auch das Plätschern und Rauschen und ruhte sich aus in einem See. Ganz tief unten auf seinem Grund könnte man ihre Strömung erfühlen. Doch wer würde sie dort stören wollen – in ihrem Schlaf – in ihren Träumen.... Die Jahreszeiten kamen und gingen und Kruttinna sang ihre eigene Melodie. Nur ganz selten noch kam die alte Bosheit in ihr zurück. Dann gab es Untiefen im Fluss oder einen Sog in einem See und ab und an holte sie sich ein unvorsichtiges Menschenkind. Und wenn man im Winter ganz nahe an ihre Ufer tritt, dann kann man es heute noch hören – ihr böses Blubbern und Knirschen und Knarren. Aber vielleicht ist es ja auch nur das Eis und nicht ihr Herz, das so knackt. Die Wassergräser und das Schilf jedenfalls stehen dann ehrfürchtig still und steif, hüllen sich in Raureif oder haben sich Kristallmäntel umgelegt, in denen sich das Sonnenlicht tausendfach bricht. Sie wissen, was einer Königin gebührt. Ein Funkeln und Glitzern in eisblauer Welt. Doch wenn der Frühling kommt, gibt es wieder eine andere Welt und andere Farben. Dann rumort es in den Tiefen und murrelt und brubbelt.
Dann knackt und kracht es vor Freude, bricht auf und bringt neues Leben. Zuerst wedeln die verschlafenen Algen noch tief, träge, dunkel, grün. Aber dann kommen dreihundert Grüntöne dazu, und ein neuer Kreislauf beginnt. Die Fische schlagen Purzelbäume. Die Krabben laufen von rechts nach links und umgekehrt. Die Muscheln erzählen sich die neuesten Klatschgeschichten und kichern albern dazu. Schwäne und Enten bauen an den Ufern fleißig ihre Nester, und die Mummeln arbeiten an den ersten gelben Teppichen zu Ehren des Frühlings. Dann kommen Störche, Kraniche und Kormorane. Jeder findet seinen Platz und für jeden hat die Kruttinna Speis und Trank. Es war wohl auch ein Frühlingstag... einer von diesen heiteren, an denen Ahnungen in der Luft liegen. Einer von diesen besonderen Frühlingstagen war es wohl, als Kruttinna etwas, - ja etwas anderes an ihren Ufern sah. Voller Unrast plätscherte sie dem verträumten Dorf entgegen. Kleine, liebevoll gebaute Holzhäuser, manche auch aus Stein und fein getüncht, mit bemalten Fensterläden, Vorgärten, in denen die letzten Schneeglöckchen und Märzbecher und die ersten Tulpen, Narzissen und Tausendschönchen blühten, weiße Wäsche, im Wind knatternd auf den Leinen, Männer, die Gärten und Felder zusammen mit ihren Pferden pflügten, barfüßige Kinder, die in den ersten warmen Sonnentagen ausgelassen auf den Sandwegen spielten... all das hatte sie manches mal schon auf ihrer Reise gesehen.
Und doch war hier irgend etwas anders. Sangen nicht die Vögel lauter und fröhlicher als anderswo? War das Licht hier nicht viel intensiver? War der Himmel hier nicht viel höher? Und was für Spiele trieben heute die Wolken? Ihr Herz hüpfte vor Aufregung und ungeduldig sprang sie über die Steine, dem Dorf entgegen. Und dann sah sie das Unglaubliche und Wunderbare: Iltis und Nerz saßen auf den Baumwurzeln am Wasser. Hase und Reh standen am Ufer. Vögel des Waldes sangen ihre schönsten Lieder auf den Ästen der Bäume, die sich weit zu ihr nieder neigten. Majestätische Schwäne im Schilf tauchten ihre langen Hälse tief unter Wasser. Tausende von Libellen und Schmetterlingen. In allerlei Farben und Größen summte und surrte und brummte und schnurrte es. Die schweren Libellen mit ihren durchsichtig schillernden Propellerflügeln knapp über der Wasseroberfläche. Die zarten Schmetterlinge aufgeregt hin und her flatternd am Ufer. Und zwischen allen war ein Flüstern und Raunen, ein Flirren und Staunen. Unter den alten Bäumen erklang eine Melodie, wie in tausend Träumen. Es war das Lied des Lebens. Kruttinna hielt inne und lauschte nicht vergebens. Eine Erinnerung kam - und ihr Herz wurde leicht. Alle Pflanzen und Tiere wussten von ihm, aber sie erblickte ihn zum ersten mal – den goldenen Fisch.
Er war unter ihr und in ihr und um sie herum. Er war das Leben. Er war die Liebe.
700 x 700 Jahre waren vergangen. Als Kruttinna sich umschaute, da sah sie Wassergräser und Schilf sich tief verneigen. Aus den Blüten der Seerosen winkten ihr Mägde und Knechte. Ihre Schwestern, und sogar der alte König, saßen auf den Blättern der Mummeln und blinzelten ihr zu. Auch den Jüngling und den alten Mann aus dem Wald sah sie. Die beiden standen Rücken an Rücken auf der Brücke und lachten. Da könnte man jetzt denken: endlich ist sie erlöst, die ehemals böse Königstochter. Und wie es sich in einem ordentlichen Märchen gehört, wird sie nun eine gütige Königin, heiratet einen reichen Prinzen und lebt glücklich mit ihm, bis an ihr Ende. Aber so ist es nicht. Die Kruttinna ist eben kein Märchen, sondern ein wunderschöner Fluss. Das kleine Dörfchen, in dessen Nähe sie das Leben mit Liebe erkannte, heißt ihr zu Ehren Krutinnen. Als das damals vor Hunderten von Jahren geschah, als Kruttinna den goldenen Fisch gefunden hatte, da wollte sie nichts anderes mehr, als nur noch sein. Und sie plätscherte und schlängelte sich durchs Land, mal fröhlich, mal traurig, mal laut, mal leise, mal kalt und mal warm; wie das Leben halt so ist. Und ob sie irgendwo mal ein Ende gefunden hat, das weiß bis heute keiner.